Worum es geht
Askese ist bei Schopenhauer der Versuch, das Wollen dauerhaft zur Ruhe zu bringen.
Sie steht am Ende seines Systems: nach Erkenntnis, Metaphysik, Ethik und Ästhetik kommt die Frage, ob es eine vollständige Lösung des Leidens geben kann.
Seine Antwort ist: ja, aber selten - in der Verneinung des Willens, wie sie Heilige, Mönche und Mystiker beschrieben haben.
Was Askese hier meint
Askese ist bei Schopenhauer nicht Selbstkasteiung, nicht Quälerei, nicht Verachtung des Körpers.
Sie ist die innere Distanzierung von Wünschen, Besitz und Begehren. Wer das vermag, wird ruhig - nicht gleichgültig.
Schopenhauer beschreibt diese Haltung mit Sympathie, aber ohne Bekehrungsabsicht.
Religiöse Quellen
Schopenhauer nennt die christliche Mystik (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Madame Guyon), die katholische Heiligenliteratur, vor allem aber den Buddhismus und die Lehren der Upanishaden.
In allen findet er dasselbe Grundmuster: Erkenntnis des Leidens, Loslösung vom Wollen, ruhiges Aufgehen.
Er liest diese Traditionen als unabhängige Bestätigung seines philosophischen Befundes.
Verneinung des Willens
'Verneinung des Willens' ist Schopenhauers technischer Begriff: nicht ein Akt des Willens gegen sich selbst, sondern ein Erlöschen der Triebgrundlage.
Sie ist kein Selbstmord - Selbstmord wäre nur eine besondere, sehr starke Form des Wollens (des Loswerden-Wollens).
Sie ist auch kein moralisches Soll: Schopenhauer leitet aus ihr keine allgemeine Pflicht ab.
Mitleid und Askese
Mitleid und Askese hängen für Schopenhauer eng zusammen. Wer im Anderen sich selbst erkennt (Mitleid), erkennt auch, dass das eigene Wollen kein bevorzugter Anspruch ist.
Aus dieser Einsicht kann das Wollen verlöschen.
Grenze
Schopenhauer empfiehlt keinen Lebensentwurf für jedermann. Askese ist eine seltene Möglichkeit, kein moralisches Soll.
Für die meisten Menschen empfiehlt er die mittlere Strategie: Selbstgenügsamkeit, Mitleid, Kunst.
Verwandte Begriffe
Verwandte Werke
Häufige Fragen
- War Schopenhauer selbst Asket?
- Nein, ausdrücklich nicht. Er führte ein bürgerliches, kulturell reiches Leben in Frankfurt. Er beschreibt die Askese als seltene Möglichkeit, nicht als gelebte Praxis.
- Warum gilt Selbstmord ihm nicht als Lösung?
- Weil Selbstmord für ihn nur eine besonders starke Form des Wollens ist - der Wille, nicht mehr zu wollen. Echte Verneinung wäre etwas anderes: ein Verlöschen, kein Akt.
- Welche religiösen Quellen nutzt Schopenhauer?
- Vor allem christliche Mystik (Eckhart, Tauler), die Upanishaden und buddhistische Berichte seiner Zeit. Er liest sie systematisch, nicht religiös.
- Wo wird Askese im Werk behandelt?
- Im vierten Buch der Welt als Wille und Vorstellung, besonders Paragraphen 68-71, sowie in den Ergänzungen aus Band II, Kapitel 48.
