Der Wille

Ein blinder, rastloser Drang hinter allen Erscheinungen.

Der Wille ist Schopenhauers Antwort auf die Grundfrage der Philosophie: Was ist das Wesen der Wirklichkeit? Seine Antwort ist ebenso radikal wie folgenreich.

Kein bewusster Wille

Wenn Schopenhauer vom „Willen" spricht, meint er nicht den bewussten Entschluss eines Menschen. Er meint eine blinde, ziellose, unaufhörliche Kraft, die allem zugrunde liegt – der Natur, den Tieren, dem Menschen, der gesamten Wirklichkeit.

Der Wille hat keine Absichten. Er ist reines Streben ohne Ziel und ohne Vernunft. Er drängt, treibt, verlangt – endlos.

Der Zugang durch den Leib

Woher diese Einsicht? Durch den eigenen Körper. Hunger, Begehren, Zurückschrecken – das ist der Wille, den wir unmittelbar erleben, von innen. Der Leib ist für Schopenhauer die Brücke zwischen Vorstellung und Ding an sich.

Was wir am eigenen Körper als Wille erfahren, erkennt er als das innere Wesen aller Dinge: Schwerkraft, Pflanzenwuchs, tierischer Instinkt – alles Ausdruck desselben einen Willens.

Der Wille ist eins

Die Welt der Vorstellung ist vielfältig und gegliedert – Raum, Zeit, viele Objekte. Der Wille dagegen ist in seinem Wesen einheitlich. Die Individualität, die wir wahrnehmen, gehört zur Ebene der Erscheinung.

Darunter liegt ein einziges, ungegliedertes Streben. Die ethische Konsequenz: Wenn alle Wesen Ausdruck desselben Willens sind, ist die Grenze zwischen „Ich" und „Du" weniger real, als wir annehmen.

Die Tragik des Willens

Der Wille kennt keine Erfüllung. Jedes gestillte Begehren erzeugt ein neues. Er ist ein Feuer, das sich selbst nährt. Und weil er das Wesen der Wirklichkeit ist, gibt es kein Entkommen – außer in jenen seltenen Momenten, in denen er schweigt: in der ästhetischen Betrachtung, im Mitleid, in der Askese.

Alles Wollen entspringt aus Bedürfnis, also aus Mangel, also aus Leiden."

Arthur Schopenhauer

Die Welt als Wille und Vorstellung, § 52

Wenn der Wille nie zur Ruhe kommt, folgt daraus: Das Leben ist wesentlich Leid.

Warum das Leben Leid ist →