Philosophie

Der Wille

'Wille' bezeichnet bei Schopenhauer keine bewusste Entscheidung, sondern eine blinde, drängende Tendenz, die alle Erscheinungen durchzieht - von der Schwerkraft bis zum menschlichen Begehren.

Abstrakte Wellenlinien als Sinnbild des Willens.
Der Wille als unaufhörliche Strömung.

Worum es geht

Der Wille ist der Schlüsselbegriff von Schopenhauers Philosophie. Wer ihn versteht, versteht das System. Wer ihn missversteht, liest aneinander vorbei.

Schopenhauer benutzt das Wort 'Wille' bewusst zweideutig: einerseits in der alltäglichen Bedeutung ('Ich will einen Kaffee'), andererseits als metaphysische Kategorie für die Grundtendenz, die alles Wirkliche durchzieht.

Beide Bedeutungen hängen zusammen - aber sie sind nicht dasselbe. Genau hier liegt die häufigste Quelle von Missverständnissen.

Vom Körper zur Metaphysik

Der Mensch kennt seinen Körper doppelt: als Vorstellung, wie jedes andere Objekt, und von innen als Wollen. Diese innere Selbsterfahrung ist Schopenhauers Hebel: Er deutet sie als Hinweis darauf, was die Wirklichkeit im Kern ist.

Wenn ich meinen Arm bewege, erlebe ich von innen das Wollen und von außen die Bewegung - nicht zwei Vorgänge, sondern ein und derselbe, gesehen aus zwei Perspektiven.

Schopenhauer verallgemeinert: Was wir an uns selbst als Willen erfahren, ist das Innere aller Erscheinungen.

Eine blinde, ziellos drängende Kraft

Der Wille ist nicht vernünftig. Er hat kein Ziel, keinen Plan, keinen Sinn. Er drängt einfach - in der Pflanze als Wachstum, im Tier als Trieb, im Menschen als Begehren.

Deshalb gibt es im Grunde nur einen Willen, der sich in unzähligen Erscheinungen ausdrückt. Die Vereinzelung in Individuen ist eine Folge von Raum und Zeit; metaphysisch ist sie nicht endgültig. Das nennt Schopenhauer das principium individuationis.

Diese Einsicht ist die Voraussetzung der Mitleidsethik: Im Anderen wirkt derselbe Wille wie in mir.

Wille in der Natur

Schopenhauer findet den Willen überall: im anorganischen Reich als Schwerkraft und Magnetismus, im pflanzlichen Reich als Reizbarkeit, im tierischen Reich als Instinkt, im menschlichen Reich als Motivation.

In der Schrift Über den Willen in der Natur (1836) versucht er zu zeigen, dass die zeitgenössische Naturwissenschaft seine Lehre stützt - insbesondere die Physiologie und die vergleichende Anatomie.

Individueller Wille und metaphysischer Wille

Schopenhauer unterscheidet sauber zwischen dem konkreten Wollen eines Menschen (Motive, Wünsche, Entscheidungen) und dem Willen als metaphysischem Prinzip.

Das konkrete Wollen ist im Bereich der Vorstellung, kausal bedingt, durch Motive bestimmt. Der metaphysische Wille ist jenseits von Raum, Zeit und Kausalität.

Diese Trennung erlaubt es Schopenhauer, an einem konsequenten Determinismus festzuhalten und trotzdem von einer metaphysischen Freiheit zu sprechen.

Folgen für das Leben

Wer immer will, ist immer im Mangel. Ist ein Wunsch erfüllt, folgt der nächste oder Langeweile. Daraus ergibt sich Schopenhauers Diagnose des Leidens.

Befreiung gibt es nur in dem Maße, in dem der Wille zur Ruhe kommt - vorübergehend in der Kunst, dauerhaft in der Askese.

Wirkungsgeschichte

Schopenhauers Willensbegriff hat Nietzsche zur Lehre vom Willen zur Macht angeregt und Freud zur Theorie des unbewussten Trieblebens vorbereitet. Auch in der Lebensphilosophie und in Teilen der Psychoanalyse wirkt er nach.

Verwandte Begriffe

Verwandte Werke

Häufige Fragen

Ist Schopenhauers Wille so etwas wie Energie?
Es gibt strukturelle Ähnlichkeiten, aber Schopenhauer denkt nicht physikalisch. Sein Wille ist eine metaphysische Kategorie - das, was die Welt im Innersten ist, nicht etwas, das man messen könnte.
Bin ich für meine Wünsche verantwortlich, wenn alles Wille ist?
Schopenhauer trennt: Empirisch bist du durch Motive bestimmt. Dein 'intelligibler Charakter' - das, was du im Kern bist - macht dich aber dennoch verantwortlich. Siehe Über die Freiheit des menschlichen Willens.
Heißt Wille bei Schopenhauer 'Egoismus'?
Der Wille bringt Egoismus mit sich, ist aber selbst noch keine Moral. Erst in einzelnen Erscheinungen tritt er als egoistisches Streben in Erscheinung; Mitleid durchbricht genau diese Vereinzelung.
Wo finde ich die wichtigste Stelle zum Willen?
Im zweiten Buch der Welt als Wille und Vorstellung, besonders in den Paragraphen 18 bis 22. Eine knappe Einführung gibt die Schrift Über den Willen in der Natur.

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