Entstehung
Schopenhauer arbeitete von 1814 bis 1818 in Dresden am Werk. Es erschien im Dezember 1818 mit Jahresangabe 1819 bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
Die Erstausgabe wurde kaum verkauft. Ein Großteil der Auflage wurde Jahre später als Makulatur eingestampft.
1844 erschien die zweite, um einen vollständigen zweiten Band 'Ergänzungen' erweiterte Auflage. Eine dritte folgte 1859, kurz vor Schopenhauers Tod.
Schopenhauer betrachtete sein ganzes übriges Werk als Vorbereitung oder Ergänzung dieses einen Buches.
Aufbau
- Vorrede: Anweisung zur Lektüre (auch zweimaliges Lesen empfohlen).
- Buch I: Die Welt als Vorstellung - erkenntnistheoretischer Teil im Anschluss an Kant.
- Buch II: Die Welt als Wille - die metaphysische Wende.
- Buch III: Die Welt als Vorstellung (zweite Betrachtung) - Ästhetik und Ideenlehre.
- Buch IV: Die Welt als Wille (zweite Betrachtung) - Ethik, Mitleid und Verneinung des Willens.
- Anhang: Kritik der Kantischen Philosophie.
- Band II (1844): vierundfünfzig Ergänzungskapitel zu allen vier Büchern.
Hauptthesen
- Die Welt ist Vorstellung: Raum, Zeit, Kausalität sind subjektive Bedingungen unserer Erfahrung.
- Hinter den Erscheinungen wirkt der Wille als Ding an sich.
- Leiden ist Strukturmerkmal des wollenden Lebens.
- Kunst gewährt vorübergehende, Askese dauerhafte Erlösung.
- Moral gründet im Mitleid, nicht in der Pflicht.
- Musik nimmt unter den Künsten eine Sonderstellung ein.
Zentrale Gedanken
Das Werk verbindet vier sonst getrennt behandelte Disziplinen - Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik - zu einem geschlossenen System, das aus einem einzigen Grundgedanken entfaltet wird: dem Verhältnis von Wille und Vorstellung.
Schopenhauer schreibt programmatisch in einem einzigen Bogen. Er verlangt vom Leser, das Buch zweimal zu lesen, weil sich die späteren Bücher erst vom Ganzen her erschließen.
Die vier Bücher sind nicht nacheinander zu addieren, sondern als zwei mal zwei Perspektiven gedacht: einmal die Welt als Vorstellung erkenntnistheoretisch (I) und ästhetisch (III), einmal die Welt als Wille metaphysisch (II) und ethisch (IV).
Bedeutung
Das Werk wurde zu Lebzeiten kaum beachtet, hat aber ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Einfluss auf Philosophie, Literatur und Musik ausgeübt - von Nietzsche und Freud bis Wagner, Thomas Mann und Beckett.
Es gilt als eines der wenigen großen, sprachlich klar geschriebenen Systemwerke der deutschen Philosophie.
Schopenhauer ist hier einer der ersten westlichen Denker, der östliche Traditionen (Upanishaden, Buddhismus) systematisch einbezieht.
Kritik
- Die metaphysische Identifikation von Ding an sich und Wille überdehnt nach Ansicht vieler Leser Kants Grundlage.
- Die strenge Pessimismusthese vernachlässige strukturelle Formen von Glück und Sinn.
- Die ästhetische Hierarchie der Künste ist heute schwer haltbar.
- Einzelne Passagen, etwa zu Frauen oder bestimmten Religionen, tragen den zeitbedingten Tonfall des frühen 19. Jahrhunderts.
Lesehinweise
- Lesen Sie das Vorwort und Buch I zuerst - Schopenhauer baut darauf strikt auf.
- Halten Sie das Glossar zentraler Begriffe greifbar - Schopenhauer verwendet Schlüsselbegriffe sehr präzise.
- Die Ergänzungen in Band II lesen sich oft anschaulicher als der Haupttext und können einzeln genossen werden.
- Wer Mühe hat, kann mit Band II, Kapitel 17 (Über das metaphysische Bedürfnis des Menschen) beginnen.
- Eine knappe Einführung an der Seite ist hilfreich, aber nicht zwingend.
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Häufige Fragen
- Sollte man Band I oder Band II zuerst lesen?
- Band I gibt das System, Band II vertieft. Wer einsteigt, sollte mit Band I beginnen - die Ergänzungen erschließen sich erst auf dieser Grundlage.
- Muss ich Kant gelesen haben?
- Nicht zwingend. Es hilft aber, wenn man die Grundunterscheidung Erscheinung / Ding an sich kennt. Schopenhauers Anhang 'Kritik der Kantischen Philosophie' setzt allerdings Kant-Kenntnis voraus.
- Wie lange braucht man für das ganze Werk?
- Bei täglich 30-45 Minuten konzentrierter Lektüre sind etwa drei bis sechs Monate realistisch - je nach Vorwissen und Vertiefungstiefe.
- Welche Ausgabe wird empfohlen?
- Für die Lektüre die Suhrkamp-Werkausgabe (hrsg. Wolfgang Frhr. von Löhneysen) oder die Diogenes-Taschenbuchausgabe. Wissenschaftlich: die historisch-kritische Brockhaus-Edition (Reprint).
