Kants Ethik reicht nicht
Schopenhauer kritisiert Kants kategorischen Imperativ als zu abstrakt und letztlich verkleidete Theologie. Pflicht allein kann keine echte Moral begründen – sie bleibt äußerlich.
Die Dänische Akademie der Wissenschaften stellte 1837 die Frage: Was ist die Grundlage der Moral? Schopenhauer antwortete – und wurde abgelehnt. Seine Antwort ist bis heute eine der überzeugendsten der Philosophiegeschichte.
„Mitleid ist die Grundlage der Moral"
Schopenhauer kritisiert Kants kategorischen Imperativ als zu abstrakt und letztlich verkleidete Theologie. Pflicht allein kann keine echte Moral begründen – sie bleibt äußerlich.
Die einzige echte moralische Triebfeder ist das Mitleid: die Fähigkeit, das Leid eines anderen als das eigene zu empfinden. Nur in diesem Moment durchbrechen wir die Illusion der Getrenntheit.
Aus dem Mitleid ergeben sich zwei Tugenden: Gerechtigkeit (dem anderen nicht schaden) und Menschenliebe (dem anderen aktiv helfen). Beides entspringt nicht der Vernunft, sondern dem Gefühl.
Schopenhauers Mitleidsethik ist eine der wenigen philosophischen Moralbegründungen, die ohne religiöse Prämissen und ohne abstrakten Rationalismus auskommt. Sie nimmt Elemente der buddhistischen Ethik vorweg und beeinflusste später die Tierrechts- und Empathieforschung.
Die Schrift ist auch ein Meisterwerk der philosophischen Polemik: Schopenhauers Kritik an Kant ist scharf, witzig und intellektuell furchtlos.