Kunst als Erlösung

Warum Musik, Malerei und Dichtung uns vorübergehend befreien.

Für Schopenhauer ist die ästhetische Erfahrung der einzige Moment, in dem der Mensch dem rastlosen Drängen des Willens entkommen kann – wenn auch nur vorübergehend.

Das reine Subjekt des Erkennens

Im Alltag sind wir immer Getriebene: Der Wille bestimmt, was wir bemerken, was uns interessiert, was uns gleichgültig lässt. In der ästhetischen Betrachtung geschieht etwas Außergewöhnliches: Wir hören auf, zu wollen. Wir werden zum „reinen Subjekt des Erkennens".

Vor einem großen Gemälde, in einem ergreifenden Musikstück vergessen wir für einen Moment unsere Bedürfnisse, unsere Ängste, unser Ich. Wir schauen – und sind frei.

Die Hierarchie der Künste

Schopenhauer ordnet die Künste in einer Hierarchie an, je nachdem, wie unmittelbar sie den Willen abbilden. Architektur steht am Anfang – sie zeigt den Willen in seinen einfachsten Formen: Schwerkraft, Widerstand, Starrheit. Malerei und Dichtung stehen höher, weil sie menschliches Erleben und Charakter zeigen.

An der Spitze steht die Tragödie – sie zeigt den Willen in seinem ganzen Ausmaß, das Leid des Daseins unverstellt.

Die Sonderstellung der Musik

Musik nimmt bei Schopenhauer eine einzigartige Position ein. Während alle anderen Künste die platonischen Ideen abbilden – also Stufen der Objektivation des Willens –, bildet Musik den Willen selbst ab, ohne den Umweg über Begriffe oder Bilder.

Deshalb berührt uns Musik so unmittelbar: Sie spricht nicht über Gefühle, sie ist Gefühl. Sie ist die direkteste Sprache des Willens.

Vorübergehend, nicht endgültig

Die Erlösung durch Kunst ist real, aber temporär. Sobald das Konzert endet, sobald wir das Museum verlassen, kehrt der Wille zurück. Für eine dauerhafte Befreiung braucht es mehr – Mitleid oder Askese. Doch die Kunst gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was Schopenhauer „Verneinung des Willens" nennt.

Die Musik ist die unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist."

Arthur Schopenhauer

Die Welt als Wille und Vorstellung, § 52

Neben der Kunst gibt es einen zweiten Weg zur Befreiung: das Mitleid.

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