Schopenhauer über menschliche Natur

Triebe, Täuschungen und verborgene Motive – ungeschönt betrachtet.

Schopenhauer gehört zu den schärfsten Beobachtern der menschlichen Natur. Er beschreibt den Menschen nicht, wie er sein sollte, sondern wie er ist – mit allen Widersprüchen, Selbsttäuschungen und dunklen Motiven.

Der Intellekt als Diener des Willens

Wir glauben, dass wir rational handeln – dass unser Verstand die Entscheidungen trifft. Schopenhauer widerspricht: Der Intellekt ist nur der Diener des Willens. Wir finden Gründe für das, was wir ohnehin wollen. Unsere Rationalisierungen sind nachträgliche Rechtfertigungen für Triebe, die längst entschieden haben.

Diese Einsicht nahm Freuds Konzept des Unbewussten um Jahrzehnte vorweg.

Egoismus als Grundtrieb

Für Schopenhauer ist der Egoismus der mächtigste Antrieb des Menschen. Jeder will sein eigenes Wohl – und ist bereit, das Wohl anderer dafür zu opfern. Das ist keine moralische Anklage, sondern eine nüchterne Beschreibung. Der Wille will überleben, und er benutzt dafür den einzelnen Menschen als Werkzeug.

Selbsttäuschung und Verdrängung

Schopenhauer beschrieb bereits, was die Psychoanalyse später als Verdrängung bezeichnen würde: den Mechanismus, durch den wir unangenehme Wahrheiten über uns selbst aus dem Bewusstsein fernhalten. Wir belügen uns – nicht aus Schwäche, sondern weil der Wille es so verlangt. Die Wahrheit über uns selbst wäre zu schmerzhaft.

Ehrlichkeit als Ausnahme

Angesichts dieser Analyse könnte man Schopenhauer für einen Zyniker halten. Aber das wäre ein Missverständnis. Er beschreibt die menschliche Natur, wie sie ist – nicht, wie er sie sich wünscht. Und gerade in seiner Ethik des Mitleids zeigt sich: Er hält den Menschen für fähig, seine eigene Natur zu durchschauen und zu überwinden. Ehrlichkeit über sich selbst ist der erste Schritt.

Jeder Mensch nimmt die Grenzen seines eigenen Gesichtsfeldes für die Grenzen der Welt."

Arthur Schopenhauer

Parerga und Paralipomena