Entstehung
Die Königlich Norwegische Sozietät der Wissenschaften zu Drontheim stellte 1837 die Preisfrage, ob die Freiheit des menschlichen Willens aus dem Selbstbewusstsein bewiesen werden könne.
Schopenhauer reichte 1838 seine Antwort ein und wurde 1839 ausgezeichnet - die einzige akademische Anerkennung zu seinen Lebzeiten.
Die Schrift erschien 1841 zusammen mit Über die Grundlage der Moral unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik.
Aufbau
- Begriffsklärung: Was heißt Freiheit überhaupt? (physisch, intellektuell, moralisch).
- Der Wille im Selbstbewusstsein: Was sagt mir die Innensicht über meine Freiheit?
- Der Wille im Bewusstsein anderer Dinge: Was zeigt die Außensicht?
- Historischer Teil: Vorläufer der Lehre, von der Antike bis zu Kant.
- Ergebnis: Lösung durch die Unterscheidung von empirischem und intelligiblem Charakter.
Hauptthesen
- Handlungsfreiheit heißt: tun können, was man will. Diese Freiheit besitzt der Mensch in vielen Situationen.
- Willensfreiheit hieße: wollen können, was man will. Diese Freiheit besitzt der Mensch nicht - jedes Wollen folgt einem Motiv, das auf einen vorhandenen Charakter trifft.
- Operari sequitur esse: Das Handeln folgt dem Sein. Der Mensch handelt nicht so, wie er wählt, sondern so, wie er ist.
- Das Selbstbewusstsein gibt uns Auskunft über das Wollen, nicht über dessen Freiheit.
- Verantwortung gründet nicht in einer freien Einzelwahl, sondern darin, dass wir der Charakter sind, aus dem heraus wir handeln.
- Freiheit liegt nicht in der einzelnen Handlung, sondern auf einer tieferen Ebene - im Sein des Menschen selbst.
Zentrale Gedanken
Schopenhauer trennt mit großer Klarheit zwei Fragen, die in der Alltagsdiskussion meist vermischt werden: Bin ich frei zu tun, was ich will? und Bin ich frei zu wollen, was ich will?
Die erste Frage beantwortet er meist mit Ja: niemand zwingt mich, einen Apfel zu nehmen statt einer Birne. Die zweite beantwortet er mit Nein: warum ich gerade jetzt Lust auf den Apfel habe, ist nicht meiner Wahl unterworfen, sondern ergibt sich aus meinem Charakter und der Situation.
Daraus folgt eine ungewohnte Sicht auf Verantwortung: Ich bin nicht verantwortlich, weil ich frei zwischen Optionen gewählt habe, sondern weil ich derjenige bin, in dessen Charakter dieses Wollen Wurzel hat.
Diese Position ist Determinismus, aber kein Fatalismus. Motive wirken nur, weil ein bestimmter Charakter sie aufgreift. Selbsterkenntnis bleibt sinnvoll - sie kann Motivlagen verändern.
Bedeutung
Die Schrift ist eine der klarsten Darstellungen des Determinismus-Problems im deutschen Sprachraum.
Die Unterscheidung von Handlungs- und Willensfreiheit ist bis heute fester Bestandteil philosophischer Lehre.
Sie wird in aktuellen Debatten zur Willensfreiheit, in den Neurowissenschaften und in der Rechtsphilosophie immer wieder herangezogen.
Die Schrift bereitet zugleich die Ethik vor: Wenn das Sein das Handeln bestimmt, bekommt Charakterbildung und Selbsterkenntnis erhebliches Gewicht.
Kritik
- Die Lehre vom intelligiblen Charakter setzt erhebliche metaphysische Annahmen voraus, die nicht jeder Leser teilt.
- Kritiker fragen, ob die Trennung in empirischen und intelligiblen Charakter wirklich eine Lösung ist oder das Problem nur verlagert.
- Aus heutiger Sicht wird man manche Aussage zur Unveränderlichkeit des Charakters zurückhaltender formulieren.
Lesehinweise
- Sehr empfehlenswerter Kurzeinstieg in Schopenhauers Denken. Klare, fast didaktische Sprache.
- Kein Vorwissen aus dem Hauptwerk nötig, aber Kenntnis des Begriffs Wille hilft.
- Lesezeit: einige Tage. Geeignet für Schule, Studium und Selbststudium.
- Empfohlene Begleitseiten: Wille, Satz vom Grunde, Pessimismus.
- Wer danach mehr will, liest Über die Grundlage der Moral und anschließend Buch IV des Hauptwerks.
Verwandte Inhalte
Häufige Fragen
- Ist Schopenhauer Determinist?
- Ja, im strengen Sinn. Er hält jede Einzelhandlung für durch Motiv und Charakter bestimmt. Er ist aber kein Fatalist: er hält Selbsterkenntnis, Bildung und Reflexion für wirksam, weil sie die Motivlage verändern können.
- Was ist der Unterschied zwischen Handlungs- und Willensfreiheit?
- Handlungsfreiheit ist die Freiheit, das zu tun, was man will. Willensfreiheit wäre die Freiheit, das Wollen selbst zu wählen. Schopenhauer bejaht die erste in vielen Fällen, verneint die zweite grundsätzlich.
- Wenn ich nicht frei wollen kann, bin ich dann noch verantwortlich?
- Schopenhauer sagt ja. Verantwortung gründet nicht in einer freien Wahl zwischen Optionen, sondern darin, dass ich derjenige bin, dessen Charakter sich in den Handlungen zeigt. Verantwortlich bin ich für das, was ich bin.
- Eignet sich die Schrift für Referate?
- Sehr gut. Sie ist kurz, klar gegliedert und enthält eine berühmte Begriffsklärung, die sich präzise vortragen lässt.
- Wie verhält sich die Schrift zu modernen Neurowissenschaften?
- Viele heutige Debatten wiederholen Schopenhauers Frage in neuer Sprache. Seine Trennung von Handlungs- und Willensfreiheit hilft, missverständliche Schlagzeilen über 'unfreie' Entscheidungen einzuordnen.
