Begriff

principium individuationis

Das Prinzip, durch das die eine Wirklichkeit in viele einzelne Individuen aufgeteilt erscheint. Bei Schopenhauer: Raum und Zeit.

Abstraktes Spiegelmotiv als Sinnbild der Welt als Vorstellung.
Die Welt als Vorstellung.

Der lateinische Ausdruck stammt aus der mittelalterlichen Scholastik und meint das, was eine 'Sache' zur einzelnen Sache macht. Schopenhauer übernimmt den Begriff, gibt ihm aber eine streng transzendentalphilosophische Bedeutung.

Für ihn sind es Raum und Zeit, die uns die Welt in unzählige Individuen zerlegt erscheinen lassen. Wer das durchschaut, ändert seinen Blick auf den eigenen Egoismus, auf Mitleid und auf die Möglichkeit von Moral überhaupt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das principium individuationis sind bei Schopenhauer Raum und Zeit.
  • Der Wille als solcher ist 'einer'; erst in der Erscheinung tritt er als viele auf.
  • Egoismus beruht auf dem Schein, das eigene Individuum sei ganz getrennt vom anderen.
  • Mitleid bricht diesen Schein punktuell auf.
  • Askese überwindet ihn dauerhaft.

Bedeutung bei Schopenhauer

Wenn Raum und Zeit Formen der Vorstellung sind, dann auch die Vielheit der Dinge. Zwei Bäume sind nur deshalb zwei, weil sie an verschiedenen Orten oder Zeiten stehen. Nimmt man diese Formen weg, fällt der Unterschied. Daraus folgt für Schopenhauer: Das, was die Welt im Innersten ist, ist nicht in viele 'Stücke' geteilt.

Diese Diagnose hat ethische Folgen. Egoismus lebt davon, dass ich mich als scharf abgegrenztes Individuum erlebe, dessen Wohl mich angeht, während das Wohl anderer 'außerhalb' liegt. Im Mitleid bricht für einen Moment durch, dass im Anderen dasselbe Wesen wirkt wie in mir. Es ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine teilweise Durchschauung des principium individuationis.

Im asketischen Vorbild wird dieser Durchbruch dauerhaft. Wer das Prinzip der Vereinzelung tief erkennt, dessen Wollen verliert seine Selbstverständlichkeit.

Beispiel

Wer einem unbekannten Menschen oder einem Tier in einer Notlage hilft, ohne Gegenleistung, spürt für einen Moment, dass die strikte Trennung 'ich' und 'der andere' brüchig wird. Genau das meint Schopenhauer mit dem partiellen Durchbrechen des principium individuationis.

Abgrenzung

Das principium individuationis ist kein religiöses Bekenntnis und kein mystisches Verschmelzungsgefühl. Es ist eine streng aus der Lehre von Raum und Zeit abgeleitete Konsequenz, die Schopenhauer mit klaren Begriffen entwickelt.

Rolle im Gesamtdenken

Der Begriff verbindet Metaphysik und Ethik. Auf der einen Seite zeigt er, wie die Vielheit der Welt zustande kommt; auf der anderen Seite begründet er, warum Mitleid mehr ist als eine sentimentale Regung.

Ohne das principium individuationis bleibt Schopenhauers Mitleidsethik psychologisch. Mit ihm wird sie metaphysisch fundiert.

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Häufige Fragen

Heißt das, Individuen sind 'Illusion'?
Nicht in einem trivialen Sinn. Sie sind reale Erscheinungen in Raum und Zeit. Schopenhauer sagt nur, dass die scharfe Trennung zwischen ihnen nicht auf die Ebene des Dings an sich übertragen werden darf.
Was hat das mit Mitleid zu tun?
Mitleid ist für Schopenhauer das punktuelle Aufbrechen genau dieses Trennungsscheins. Im Mitleid erlebt das Subjekt, dass das fremde Leid es unmittelbar angeht, weil dort dasselbe Wesen wirkt wie in ihm selbst.