Begriff

Wille

Bei Schopenhauer ein metaphysisches Grundprinzip: die blinde, drängende Kraft, die in allem Wirklichen tätig ist und sich in unzähligen Erscheinungen objektiviert.

Abstrakte Wellenlinien als Sinnbild des Willens.
Der Wille als unaufhörliche Strömung.

'Wille' ist der zentrale Begriff in Schopenhauers Philosophie. Er bezeichnet nicht das, was wir im Alltag 'Wille' nennen, also bewusste Entscheidung oder Willenskraft, sondern eine vorbewusste, drängende Tendenz, die alle Erscheinungen durchzieht.

Wer Schopenhauer verstehen will, muss diesen Begriff zuerst aus dem Alltagsgebrauch lösen. Erst dann werden seine Ethik, seine Pessimismus-Diagnose und sein Begriff der Erlösung nachvollziehbar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wille ist bei Schopenhauer ein metaphysischer Grundbegriff, kein psychologischer.
  • Er ist blind, ohne Plan, ohne Ziel und ohne Vernunft.
  • Er ist 'einer' an sich, erscheint aber in unzähligen Individuen.
  • Er ist das, was Schopenhauer als Ding an sich bezeichnet.
  • Aus dem ständigen Wollen folgen Mangel, Leiden und Langeweile.
  • Eine vorübergehende Beruhigung findet er in der Kunst, eine dauerhafte in der Askese.

Bedeutung bei Schopenhauer

Schopenhauer geht von Kants Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich aus. Kant lässt das Ding an sich unbestimmt; Schopenhauer macht den entscheidenden Schritt und identifiziert es mit dem Willen. Sein Argument: Wir kennen die Welt nicht nur von außen als Vorstellung, sondern auch von innen, im eigenen Leib, als Wollen.

Diese innere Erfahrung verallgemeinert Schopenhauer. Was im Menschen als Wille erlebt wird, ist im Tier als Trieb, in der Pflanze als Wachstum, in der unbelebten Natur als Kraft tätig. Überall wirkt dieselbe blinde Tendenz, nur auf verschiedenen Stufen der Objektivation.

Aus dieser Diagnose folgt fast alles Weitere: Leiden ist nicht Betriebsunfall, sondern Strukturmerkmal des Wollens. Moral wird nur möglich, wo der Wille im Anderen erkannt wird. Kunst beruhigt das Wollen kurz, Askese überwindet es.

Beispiel

Wer einen starken Hunger oder eine Verliebtheit erlebt hat, kennt das Phänomen aus eigener Anschauung. Der Wunsch ist da, bevor man ihn 'beschließt'. Man kann ihn dämpfen, aber nicht einfach abschalten. Schopenhauer nimmt diese Alltagsbeobachtung ernst und deutet sie metaphysisch.

Abgrenzung

Wille im Sinne Schopenhauers ist nicht 'Willenskraft', nicht 'freier Wille' und nicht 'Entschlusskraft'. Auch ist er nicht identisch mit dem 'Wunsch', der schon bewusst und auf ein Objekt gerichtet ist. Wille meint die vorbewusste, allgemeine Tendenz, die Wünschen, Trieben und Naturkräften überhaupt erst zugrunde liegt.

Rolle im Gesamtdenken

Der Wille ist die Grundlage, auf der Schopenhauers gesamtes System ruht. Die Vorstellung ist seine Erscheinungsseite, Leiden und Langeweile sind seine Folgen, Mitleid und Askese sind die beiden möglichen Antworten darauf.

Ohne diesen Begriff bleibt Schopenhauers Pessimismus moralisches Klagen. Mit ihm wird er zu einer geschlossenen Diagnose der Wirklichkeit.

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Häufige Fragen

Meint Schopenhauer mit 'Wille' das, was wir wollen?
Nein. Bewusste Wünsche und Entscheidungen sind nur die spätesten und individuellsten Ausformungen. Wille meint die viel allgemeinere, vorbewusste Tendenz, die in allen Erscheinungen wirkt, vom Wachsen einer Pflanze bis zum menschlichen Begehren.
Ist der Wille gut oder böse?
Weder noch. Er ist blind. Erst durch Erkenntnis und Mitleid entsteht im Menschen die Möglichkeit zu moralischem Handeln. Der Wille selbst ist jenseits von gut und böse.
Wie hängt der Wille mit dem Ding an sich zusammen?
Schopenhauer identifiziert beide. Was Kant das Ding an sich nennt, ist für Schopenhauer der Wille, den wir an uns selbst von innen erleben und auf die übrige Welt übertragen können.
Kann man dem Willen entkommen?
Nach Schopenhauer nur durch zwei Wege: vorübergehend durch das willensfreie Anschauen in der Kunst, dauerhaft durch die Askese, also die innere Verneinung des Willens.