Kontemplation ist bei Schopenhauer der Schlüsselbegriff seiner Ästhetik. Sie beschreibt jene seltenen Momente, in denen das Anschauen eines Gegenstands oder Werks nicht mehr durch Begehren, Interesse oder Nutzen gefärbt ist.
Solche Momente sind für ihn nicht Luxus, sondern eine reale Form der Befreiung vom Wollen, allerdings eine vorübergehende. Sie zeigen praktisch, dass das ständige Drängen des Willens nicht das letzte Wort haben muss.
Das Wichtigste in Kürze
- Kontemplation ist willensfreies, interesseloses Anschauen.
- In ihr wird das Subjekt zum 'reinen Subjekt der Erkenntnis'.
- Sie ist die Form ästhetischer Erfahrung.
- Sie befreit vorübergehend vom Wollen und damit vom Leiden.
- Die Musik nimmt für Schopenhauer eine besondere Stellung ein.
Bedeutung bei Schopenhauer
Im Alltag ist das Anschauen meist durch Wollen geprägt: Wir sehen Dinge unter dem Blickwinkel ihrer Brauchbarkeit, Gefahr oder Begehrlichkeit. In der ästhetischen Erfahrung tritt dieser Filter zurück. Das Subjekt verliert sich im Gegenstand, ohne ihn 'haben' zu wollen.
Schopenhauer nennt diesen Zustand das 'reine Subjekt der Erkenntnis'. Es ist nicht mehr 'jemand, der etwas will', sondern nur noch Wahrnehmender. Damit ist für kurze Zeit der Mechanismus von Wollen, Mangel und Leiden ausgesetzt.
Eine Sonderstellung räumt Schopenhauer der Musik ein. Anders als die übrigen Künste, die ideenhafte Stufen des Willens vorstellen, drücke die Musik unmittelbar das Wesen des Wollens aus, ohne den Umweg über Bilder.
Beispiel
Eine Symphonie, die einen ganz in Anspruch nimmt, kann jenen Zustand auslösen: Während sie läuft, treten Sorgen, Pläne und Wünsche in den Hintergrund. Genau das beschreibt Schopenhauer als willensfreie Kontemplation, und gerade an der Musik macht er den Begriff besonders stark.
Abgrenzung
Kontemplation ist nicht Nachdenken über etwas und nicht analytisches Betrachten. Sie ist auch nicht meditative Atemschule im technischen Sinn, auch wenn strukturelle Ähnlichkeiten bestehen. Sie ist primär ein ästhetischer, kein religiöser Begriff.
Rolle im Gesamtdenken
Kontemplation ist Schopenhauers ästhetische Antwort auf den Pessimismus. Sie zeigt, dass es reale Erfahrungen gibt, in denen der Wille zur Ruhe kommt, wenn auch nur kurz.
Im Verhältnis zu Mitleid und Askese steht sie an besonderer Stelle: Mitleid wirkt ethisch, Askese radikal, Kontemplation befreit das einzelne Bewusstsein für Augenblicke.
Verwandte Artikel
Häufige Fragen
- Warum ist Kontemplation für Schopenhauer so wichtig?
- Weil sie zeigt, dass das Wollen nicht das ganze Bewusstsein ausmacht. Wer Kontemplation erfährt, weiß aus eigener Anschauung, dass es einen Modus jenseits des Begehrens gibt.
- Welche Rolle spielt die Musik?
- Eine besondere. Die Musik ist für Schopenhauer keine Abbildung einzelner Ideen, sondern ein unmittelbarer Ausdruck des Willens. Deshalb wirkt sie so tief, ohne 'etwas zu zeigen'.
