Schopenhauer-Zitate werden aus mehreren Gründen häufig falsch verbreitet. Sein Stil eignet sich für aphoristische Verkürzung, sein Pessimismus passt zu vielen Stimmungslagen, und sein Name verleiht beliebigen Lebenssprüchen Autorität.
Wichtig ist die Unterscheidung dreier Fälle. Erstens: das Originalzitat - der genaue Wortlaut steht in einer benennbaren Werkstelle. Zweitens: die Paraphrase oder sinngemäße Wiedergabe - der Gedanke stammt von Schopenhauer, der Wortlaut ist redaktionell. Drittens: die Zuschreibung ohne Beleg - der Satz wandert durchs Netz und lässt sich in Schopenhauers Werk nicht nachweisen.
Faustregeln: Ein Satz ohne Werkangabe ist verdächtig. Ein Satz mit einer Werkangabe, aber ohne Kapitel- oder Buchhinweis ist zu prüfen. Ein Satz, der nur in modernen Sammlungen zirkuliert, aber in keiner kritischen Werkausgabe auftaucht, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht authentisch.
Wer ein Zitat seriös prüfen will, schaut zuerst in eine textkritische Ausgabe (Suhrkamp-Werkausgabe oder die historisch-kritische Brockhaus-Edition als Reprint) und sucht im Originaltext nach Schlüsselwörtern. Online-Suchen sind als erster Schritt brauchbar, aber selbst eine breite Verbreitung ist kein Echtheitsbeleg.
„Jede Wahrheit durchläuft drei Stadien: Zuerst wird sie lächerlich gemacht, dann wird sie heftig bekämpft, schließlich wird sie als selbstverständlich angesehen."
falsch zugeschriebenKontext: Wird oft Schopenhauer zugeschrieben. Eine entsprechende Stelle in seinem Werk lässt sich nicht nachweisen. Die Formulierung kursiert in unterschiedlichen Versionen und wird wahlweise auch anderen Personen zugeschrieben.
„Jeder Tag ist ein kleines Leben."
nicht sicher belegtKontext: Wird Schopenhauer regelmäßig zugeschrieben. Eine eindeutige Stelle in seinem Werk fehlt; der Gedanke ist älter und in mehreren Traditionen verbreitet.
„Talent trifft ein Ziel, das niemand sonst treffen kann; Genie trifft ein Ziel, das niemand sonst sehen kann."
belegtQuelle: Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, Kapitel zum GenieKontext: Dieser Satz ist tatsächlich belegt. Wir nehmen ihn hier auf, weil er häufig in stark verkürzten oder veränderten Fassungen zirkuliert. Vor zitierender Verwendung lohnt der Blick in den Originaltext.
Hinweis: Wenn Sie einen Eintrag vermissen oder eine belastbare Quelle für ein vermutlich falsch zugeschriebenes Zitat haben, freuen wir uns über eine Nachricht über die Kontaktseite.
Häufige Fragen
- Warum ist Schopenhauer so oft falsch zitiert?
- Sein Stil ist aphoristisch verkürzbar, sein Name verleiht Autorität, und viele Sammlungen wurden weitergereicht, ohne die Quellen jemals zu prüfen.
- Wie prüfe ich ein Zitat seriös?
- Suchen Sie eine konkrete Stelle in einer textkritischen Werkausgabe. Achten Sie auf Werk-, Buch- und Kapitelhinweis. Misstrauen Sie Sätzen ohne jede Werkangabe.
- Darf ich sinngemäße Zitate verwenden?
- Ja, wenn Sie sie als sinngemäß kennzeichnen und keinen wörtlichen Anspruch erheben. Wer sinngemäße Wiedergaben als Originalzitate ausgibt, verfälscht den Text.
- Warum hat das Internet ein besonders großes Problem mit falschen Zitaten?
- Weil Zitatbilder und kurze Sprüche sich schneller verbreiten als Quellenprüfungen. Einmal falsch verknüpft, vervielfacht sich ein falsches Zitat ohne Korrekturschleife.
