Einordnung

Schopenhauer und Wagner | Musik als Sprache des Willens

Richard Wagner las 1854 zum ersten Mal Die Welt als Wille und Vorstellung. Die Lektüre wurde für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Schopenhauers These, dass Musik unmittelbare Sprache des Willens sei, traf Wagners eigene künstlerische Erfahrung und bestimmte fortan seine Selbstdeutung.

Stilisierte Notenlinien einer Partitur.
Musik als unmittelbares Abbild des Willens.

Einstieg: Warum diese Einordnung wichtig ist

Schopenhauer ist nicht nur Philosoph für Philosophen. Sein Werk wirkt früh und tief in Kunst und Literatur, am stärksten vielleicht bei Richard Wagner. Wer Wagners Musikdramen ernst nimmt, kommt an Schopenhauer schwer vorbei.

Umgekehrt ist Wagner für Schopenhauers Wirkungsgeschichte zentral. Durch ihn werden Begriffe wie Wille, Verneinung des Willens und Erlösung im 19. Jahrhundert kulturell aufgeladen.

Wichtig ist dabei, philosophische Theorie und künstlerische Resonanz zu unterscheiden. Wagner war kein systematischer Philosoph, sondern Künstler.

Das Wichtigste in Kürze

- Schopenhauer hebt die Musik unter allen Künsten heraus. Sie ist für ihn nicht Abbild der Welt, sondern ihr unmittelbarer Ausdruck.

- Wagner stieß im Herbst 1854 auf Die Welt als Wille und Vorstellung und las das Werk nach eigenem Bekunden mehrfach.

- Tristan und Isolde gilt als das musikdramatische Werk, in dem Schopenhauers Pessimismus am tiefsten nachklingt.

- Eine persönliche Begegnung zwischen den beiden kam nicht zustande.

- Schopenhauer selbst reagierte auf Wagner zurückhaltend bis kühl.

Berührungspunkte

Im dritten Buch von Die Welt als Wille und Vorstellung behandelt Schopenhauer die Künste nach einer Rangordnung. Während die meisten Künste die platonischen Ideen der Welt darstellen, ist die Musik nach Schopenhauer eine eigene Sprache. Sie spricht nicht von Dingen, sondern direkt vom Inneren - vom Willen.

Genau dieser Gedanke trifft Wagners Selbstverständnis. Für Wagner ist Musik nicht Beiwerk zur Handlung, sondern das eigentliche Medium des Dramas. Schopenhauer liefert dafür eine philosophische Begründung.

Auch das Motiv der Erlösung verbindet beide. Schopenhauers Verneinung des Willens und Wagners Erlösungsschlüsse sind nicht identisch, aber sie atmen einen ähnlichen Geist.

Unterschiede und Abgrenzung

Schopenhauer war kein Wagnerianer. Er schätzte vor allem Mozart und Rossini und blieb gegenüber Wagner reserviert. Berichtet ist, dass er die ihm zugesandte Ring-Dichtung höflich, aber kritisch kommentierte.

Schopenhauers These über Musik ist eine philosophische Aussage über deren Wesen, nicht eine ästhetische Programmschrift für eine neue Oper. Wagner hat sie für sein Werk fruchtbar gemacht, aber er hat sie zugleich künstlerisch verändert.

Wagners späte Verbindung von Schopenhauerscher Erlösungsidee mit nationalreligiöser Symbolik, etwa im Parsifal, ist eine Eigendeutung des Komponisten, nicht eine schopenhauersche Konsequenz.

Wirkung

Über Wagner ist Schopenhauer im 19. Jahrhundert in das Bewusstsein eines viel größeren Publikums getreten, als seine Schriften allein es vermocht hätten.

Tristan und Isolde wurde für viele Hörer geradezu zur klingenden Form einer pessimistischen Weltdeutung. Das hat Schopenhauers Wirkung auf das spätere 19. und frühe 20. Jahrhundert mitgeprägt.

Typische Missverständnisse

- Wagner ist kein bloßer Vertoner Schopenhauers. Er nutzt Schopenhauer als philosophischen Resonanzraum.

- Schopenhauers Musikphilosophie ist nicht spezifisch auf Oper oder Musikdrama zugeschnitten.

- Erlösung bei Wagner und Verneinung des Willens bei Schopenhauer sind verwandte, aber nicht gleiche Begriffe.

- Schopenhauer selbst hat Wagner nicht zum Lieblingskomponisten erklärt, im Gegenteil.

Warum das heute noch interessant ist

Die Frage, was Musik eigentlich ausdrückt und warum sie uns so unmittelbar erreicht, ist in der Musikphilosophie bis heute offen. Schopenhauers These bleibt eine der eindrucksvollsten Antworten.

Wer Tristan oder Parsifal hört, hört zugleich eine philosophische Atmosphäre. Schopenhauer hilft, sie in Begriffe zu fassen.

Verwandte Begriffe

Verwandte Werke

Häufige Fragen

Wann las Wagner Schopenhauer zum ersten Mal?
Im Herbst 1854. Wagner berichtet selbst, dass er Die Welt als Wille und Vorstellung in kurzer Zeit mehrfach gelesen habe.
Welches Musikdrama Wagners ist am stärksten von Schopenhauer geprägt?
Am deutlichsten Tristan und Isolde, in dem das schopenhauersche Motiv der Verneinung des Wollens kompositorisch ausgearbeitet ist.
Mochte Schopenhauer Wagner?
Persönlich nicht besonders. Schopenhauer schätzte vor allem Mozart und Rossini und reagierte auf Wagners Sendungen distanziert.

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